Die Gattung des Bahnfahrers
S-Bahnfahren. Um das eigene Portemonnaie ein wenig zu schützen greift man ja doch mal auf das unbeliebte Transportmittel zurück. In heutigen Tagen, wo Streiken ja ein allwöchentlicher
Wir-machen-das-nur-noch-zum-Spaß-Zeitvertreib der GDL geworden ist, keine Selbstverständlichkeit.
An den Knotenpunkten wo Straßenbahn und S-Bahn, oder U-Bahn und S-Bahn (oder alle zusammen) eine Umstiegsmöglichkeit bieten ist während der Rush-Hour echt die Hölle los.
Ich unterscheide hierbei ironischerweise zwischen den Typen von Bahnfahrern.
Da haben wir zum Einen den aggressiven Einsteiger.
Der aggressive Einsteiger steht in der Regel direkt dort, wo die Tür der Bahn anhält (es gehört zu seiner Spezies, die Anhalteposition einer Tür der heranrollenden S-Bahn mm-genau zu bestimmen), selbstverständlich steht er in der sich bildenden Traube, die meist nur einen kleinen Tunnel für die aussteigenden Fahrgäste bietet ganz vorne.
Die Türen haben sich ca. 30cm geöffnet, ein Kind könnte sich vielleicht gerade schon durch den Schlitz quetschen und der aggressive Einsteiger steht eigentlich schon in der Bahn, schwimmt gegen den Strom der Aussteiger, versperrt den Weg und reagiert pampig wenn man ihn anbrüllt.
Zusätzlich gibt es die verstummten Omis mit Sitzplatzberechtigung.
Die verstummten Omis steigen in eine Bahn und aktivieren den Welcher-Platz-ist-eigentlich-der-schönste-Suchmechanismus, öffnen die Handtasche und holen irgendeinen laminierten Ausweis in den Farben eines Personalausweises raus, der aber 5 mal so groß ist, fuchteln wild damit rum und halten ihn irgendwelchen (meist jungen) Leuten direkt vor die Nase, ob man da gerade ein Buch liest, halb schläft oder völlig betrunken ist interessiert die verstummte Omi mit Sitzplatzberechtigung dabei nicht. Omi spricht für gewöhnlich auch nicht. Omi setzt voraus, dass der Ausweis als Antenne für die Gedankenübertragung ein “DAS IST MEIN PLATZ” rüberfunkt. Da ich in solchen Situationen gern kurzsichtig tue, ist Omi gezwungen den Mund aufzumachen oder weiterzugehen.
Ebenfalls sehr häufig anzutreffen, die Ich-muss-sitzen-Mutti.
Die Ich-muss-sitzen-Mutti bleibt nach dem Einsteigen in Türnähe stehen und dreht den Kopf ständig hin- und her und checkt die umliegenden Bewegungen sitzender Fahrgäste im 5-Sekundentakt ab. Sowie jemand seine Zeitung in die Tasche steckt oder sich die Jacke zumacht, ‘ne Mütze aufsetzt oder irgendeine andere Andeutung macht, die ein eventuelles Aufstehen nach sich zieht, steht die Ich-muss-sitzen-Mutti schon direkt neben der Person. Sehr prickelnd bei diesen 4er-Sitzen. Hier steht die Mutti schon quasi in dem Gang und lässt einen kaum raus. Besonders empfindlich reagiert der Nörgel-Opa auf das Geschiebe der Ich-muss-sitzen-Mutti.
Der Nörgel-Opa ist auch ein gelegentlich anzutreffender Fahrgast.
Ein Opa der zum Nörgel-Opa mutiert, gehört meist von vornherein zu der Gattung “Opa”, die man auch in den diversen Mittagsmagazinen für Hausfrauen bei irgendwelchen Nachbarschaftsstreitereien sieht. Der Nörgel-Opa ist auch der Typ, der Dir Silvester um 22 Uhr die Polizei vor die Tür stellt, weil deine Musik zu laut ist. Jedenfalls kommt der Nörgel-Opa immer in Fahrt, wenn jemandem ein Schnippsel runterfällt und man sich nicht innerhalb von 0,5 Sekunden zum Aufheben bewegt, jemand noch in letzter Sekunde vor dem Schließen der Türen in die Bahn springt und dabei jemanden anrempelt oder zu laut Musik hört.
Womit wir beim MP3-Terroristen wären.
Der MP3-Terrorist, für gewöhnlich im Marzahn- oder Neukölln-Dress, hat die Mucke dermaßen laut aufgedreht, dass einem eigentlich schon daneben die Ohren weh tun und das obwohl die volle Power der Membranen eigentlich in Richtung des Trommelfell vom MP3-Terroristen dröhnt. Zu den natürlichen Feinden des MP3-Terroristen zählt unter anderem der Nörgel-Opa.
Außerdem treffen wir auf den Ick-scheiss-uff-allet-Fahrgast.
Der Ick-scheiss-uff-allet-Fahrgast benötigt alle 4 Sitze eines 4er’s - 2 für die Füße (man hat ja schließlich 2 davon), einen für den Hintern und der Platz neben ihm ist für den Rucksack bzw. die Reisetasche reserviert. In einigen Fällen lässt sich hier auch eine Mutation zwischen dem Ick-scheiss-uff-allet-Fahrgast und dem MP3-Terroristen feststellen.
Zu den natürlichen Feinden gehört selbstverständlich der Nörgel-Opa, der hier auch gern seinen nicht waffenscheinpflichtigen Stock verwendet, um auf die Flecken auf den Sitzflächen aufmerksam zu machen, den der Ick-scheiss-uff-allet-MP3-Terrorist gerade hinterlassen hat.
Eine weitere Mutation des MP3-Terroristen ist die Jamba!-Braut.
Die Jamba!-Braut kleidet sich üblicherweise in den Farben Gelb, Hellblau und Pink, reist selten allein und nutzt den Lautsprecher des Mobiltelefons um das gesamte Bahnabteil mit Musik (üblicherweise mit Bushido) zu beschallen. Ist ein MP3-Terrorist in der Nähe, sieht er sich gezwungen seine Musik noch lauter zu machen. Daraus resultiert ein Battle zwischen dem MP3-Terorristen und den Jamba!-Bräuten. Die sich in der Nähe befindlichen Fahrgäste erhalten so ein ungewolltes Stereo-Konzert auf aggressivem Niveau.
Der Todfeind der Jamba!-Braut, der Biertrinkende Bauarbeiter.
Der Biertrinkende Bauarbeiter hat eine geschätzte Blutalkoholkonzentration von 0,8‰ und reagiert in einem lallenden Ton auf die Jamba!-Bräute. Aufgrund der antiauthoritären Erziehung der Jamba!-Braut entsteht hier eine interessante Diskussion auf beachtlich hohem Niveau.
Aus den Folgen von Inzest gibt es auch weitere Abarten der Biertrinkenden Bauarbeiter, Jamba!-Bräute, Ick-scheiss-uff-allet-Fahrgäste und MP3-Terroristen. Diese Gattungen wurden schon erfolgreich miteinander gekreuzt und sind ebenfalls in der Public-Freak-Show (auch als S-Bahn bekannt) anzutreffen.
Fazit: S-Bahnfahren ist mehr als nur Arbeits- und Heimweg. S-Bahnfahren ist eine Abenteuerfahrt. Habt ihr schonmal in so einem Tier-Abenteuer-Park so eine Parkrundfahrt mit ‘nem Jeep gemacht? Da stecken dann öfters mal Affen, Elefanten oder Ziegen ihre Köpfe durchs Fenster, hinterlassen einen angenehmen Duft und verschwinden wieder. So ähnlich fühlt man sich in Berlins öffentlichen Verkehrsmitteln auch oft.



November 2nd, 2007 at 18:02
[…] Tobis Hommage auf die S-Bahn! […]
November 4th, 2007 at 22:05
Du hast diesen Typ von Fahrgast vergessen, dem nichts besseres einfällt als so lautstark zu telefonieren, dass man schon nicht anders kann und zuhören muss.
Nur leider sind die (versehentlich) mitgehörten Geschichten doch immer etwas langweilig… Die interessanten Telefonate kann man wohl leider doch nur bei Domian mithören…
November 5th, 2007 at 11:18
Haha. Ja, das stimmt. Wie konnte ich den nur vergessen, wo man diesen Typ Fahrgast ja doch häufiger antrifft
Nicht zu vergessen, dass das meist Leute sind, die der deutschen Sprache nicht ganz mächtig sind…
November 5th, 2007 at 20:14
Heute waren ebenfalls der “rücksichtslose Dönerfresser, dem es am Arsch vorbeigeht, ob die Bahn nach seinem ‘Schlachtabfall mit Salat im Brot’ (so nenne ich Döner neuerdings gern) riecht” und der “Fahrrad-Öko”, der mit seinem Fahrrad in der Regel dort einsteigt, wo kein Fahrradabteil ist, sodass durchlaufende Fahrgäste definitiv behindert werden und über das Fahrrad stolpern, anzutreffen.
Außerdem waren mehrere exemplare des in Berlin ansässigen “aggressiven Einsteigers” und auch einige “Jamba!-Bräute” Bestandteil meiner heutigen Spritztour in der Public-Freak-Show…
November 5th, 2007 at 20:29
hahaha, hab selten so gelacht
fein gemacht tobi 
November 6th, 2007 at 16:08
Da es heut morgen ein wenig feucht war, sind mir zusätzlich noch die Fahrgäste der Kategorie “riecht wie nasser Hund” begegnet, sowie die “Lassen-sie-mich-durch-Mutti”, die versucht sich an dir vorbeizuquetschen (im engen Gang einer vollen Bahn, versteht sich) und dann über deine Füße fällt. Herrlich. Man hab ick gelacht… blöde Leute gibts. Wahnsinn!
Dezember 9th, 2007 at 15:46
herrlich! Dann gibt es noch die Perfektionisten, die Ihr Weg genau optimieren. Sie kennen die Ausgänge genau und steigen da ein wo sie auch später aussteigen um die Laufwege bzw. eher die Zeiten so kurz wie möglich zu halten
Zu denen zähle ich auch
Dezember 21st, 2007 at 22:44
Haha, so isset!
Aber du hast noch den Ich-hab-nichtmal-mehr-5-Minuten-zu-leben-Typ vergessen, der auf Teufel komm raus die anfahrende Bahn erreichen muss, weil er scheinbar stirbt, bevor die nächste Bahn nach 5 Minuten kommt. Dabei schlägt er eine blutige Schneise in die Aussteigenden und Längerlebenden, respektive alle bereits genannten Gruppierungen.
Dezember 21st, 2007 at 22:57
Hahahahaha auf jeden! Aber das ist ja eher eine mutierte Form des aggressiven Einsteigers. Aber ich werde deine Formulierung bei Teil 2 der Kolumne erwähnen. Versprochen
Dezember 21st, 2007 at 23:18
Da gibts auch noch die Ich-liebe-Kinder-und-hasse-Hunde-Mütter. sowie die Gegenpartei
Ich-liebe-Hunde-und-hasse-Kinder-Personen,
zwischen denen andauernde Diskussionen entbrennen, was erlaubt ist:
Kinder mit dreckigen Schuhen auf den Sitzen, oder “schmutzige” Hunde…,
die Muttis fahren den Hunden mit den Kinderwagen über die Pfoten und schreien rum,
wenn jemand ihre Kinder maßregelt, wozu sie selber offensichtlich nicht in der Lage sind…
Ja, S-und U-Bahnfahren in Berlin ist immer wieder ein Erlebnis,
und Du bringst es auf den Punkt.
Freu mich schon auf Teil 2.
Dezember 22nd, 2007 at 00:33
Hallo Veela, die andere Kolumne war schon fast fertig und deine erwähnten Muttis passen inhaltlich nicht mehr rein, aber ich habe dazu schon eine weitere, sehr gute Idee. Das wird dann erst was für Teil 3.
Teil 2 gibts jetzt hier.
Dezember 28th, 2007 at 11:02
[…] grandiose Beschreibung derer konnte ich bei Tobi lesen:: … treffen wir auf den […]