Ein Tag in der S-Bahn. - Teil 2
Nachdem Teil 1 meiner Kolumne “Die Gattung des Bahnfahrers” auf gutes Feedback gestoßen ist, gibt es heute das 2. Werk über die Gestalten, denen man im täglichen Chaos der öffentlichen Nahverkehrsmittel von Berlin begegnet.
Ich hatte ja auch erst kürzlich von einem spaßigen Erlebnis berichtet, als aus Lust nach Sauerstoff ein toller Disput resultierte. Und wenn es gerade zur kalten Jahreszeit, draußen schön feucht ist, dann wird eine S-Bahn schnell zur Sauna, normale Menschen öffnen da ein Fenster, aber diesem Vorhaben wirft sich der Fenster-zu-Pedant in den Weg, da er fürchtet, dass die tropische Luftfeuchtigkeit schwinden könnte, geschweige denn, die Temperatur auf unter 40 °C sinkt. Er könnte ja erfrieren. Mehr zu diesem Typ Fahrgast in der Kolumne Aggro (ÖPNV) Berlin.
In letzter Zeit gibt es wieder einen Schub an Sudoku-Freaks, die wild das Kamikaze-Sudoku im Stern bearbeiten, im übrigen die einzige Seite im Heft, die ich Woche für Woche schlichtweg ignoriere. Einige haben auch ein 350 Seiten-Sudoku-Heft, welches Morgen für Morgen auf dem Weg zur Arbeit bearbeitet wird. Mein Gott! Was hat man nur frühs in der Bahn gemacht, bevor dieser Trend ausbrach? Eine Mutation des Sudoku-Freaks ist der Sudoku-Zocker. Der Sudoku-Zocker gibt sich nicht mit Sudoku’s in Zeitungen und Magazinen zufrieden, geschweige denn mit Sudoku-Büchern. Neeeeein, der Sudoku-Zocker nutzt einen Sudoku-Computer (Jaaa, gibts echt) und hackt auf dem Teil rum, als würde es bei diesem Spielchen um Zeit gehen.
Zu den natürlichen Feinden des Sudoku-Zockers gehört unter anderem der Man-Alter-ick-brauch-Platz-für-diese-scheiss-Zeitung-BILD-Leser, der seine Zeitung in voll ausgefalteter Form (immerhin 55 x 78 cm) vor sich ausbreitet und dabei den Sudoku-Zocker in seinem Gestikulationsfreifraum einschränkt. Fies wirds wenn ein Sudoku-Freak daneben sitzt, da seine Zeitung, welche er zum Rätseln nutzt, mehr Platz braucht als der bescheidene Computer vom Sudoku-Zocker und sich beide gegenseitig behindern. So, jetzt aber genug Sudoku.
Eine nur morgens anzutreffende Gattung ist der Kaffe-Suffi (Für die Nicht-Berliner: Zu Kaffee sagt man hier “Kaffe”, klingt asozialer). Der Kaffe-Suffi steigt mit seinem Pappbecher Kaffee, Cappucino, Latte Macchiato, Milchkaffee, keine Ahnung, da ist doch immer dieser blöde Deckel zum Schlürfen drauf, ein und atmet das Getränk lautstark durch den kleinen Schlitz im Deckel ein. Eine gesteigerte Form dieser Gattung ist der Kaffe-Junkie, welcher einen 0,5 l-Edelstahlbecher (wahlweise auch in knallbuntem Kunststoff) mit sich rumträgt, den er am Kiosk oder Imbiss seiner Wahl Morgen für Morgen auffüllen lässt. Äußerst prickelnd, wenn die Kreuzung aus Kaffe-Junkie und Mr. Öko einsteigt. Dort kommt ja bekanntlich nur Malzkaffee in den Becher. Schon mal getrunken gerochen? Uuuuh. Ganz schlimm!
Immer wieder toll, wenn dann Peter einsteigt (die heißen immer Peter, schon mal aufgefallen?), “Schönen Guten Tag, mein Name ist Peter, ich verkaufe die Motz, …”. Boah Scheisse. Hand in die Tasche, wo geht die Mucke lauter? Aaah. Ich hör’ den immernoch. Aaah, endlich Ruhe. Die Motz-und-Strassenfeger-Dealer sind zwar insofern nicht penetrant, weil nur wenige von denen rumnerven, dass man ihnen was abkauft, in der Regel hinterlässt Peter aber eine gewisse Note in der Bahn, die einen auch noch 3 Stationen später daran erinnert. Kommt die Note nicht von Peter, dann war sie von seinem Hund.
Peter kollidiert häufig mit den Telephone crazies, die Telephone crazies können nämlich Peters Verkaufsofferte nicht in ihrem Gespräch gebrauchen, reagieren genervt bis hysterisch, drehen sich hin- und her um Ruhe zu haben, oder gehen in die Richtung, aus der Peter kam (halt der Nase nach). Die Telephone crazies selbst sind aber auch sehr unangenehme Typen, vor allem dann, wenn sie nicht Deutsch sprechen. Vielleicht bilde ich mir das ein, oder es täuscht, aber Telefonierende, die kein Deutsch sprechen, schreien immer ins Handy, als bestünde noch eine Drahtverbindung zwischen ihm und dem Gesprächspartner (man erinnere sich an Kindheitstage, 2 Konservendosen und 1 Draht - Na?). Da entwickeln auch kleine, zarte Asiatinnen ein ziemliches Organ, welches ja aber durch die täglichen Verkaufsgespräche “Mallbolo oder Lucky Stlike?” gut geschult ist.
Auf einer Abenteuerreise mit der S-Bahn begegnet man auch dem Im-Weg-Steher, welcher direkt nach dem Einsteigen stehen bleibt und die Tür bewacht. Man muss ja als Erster aussteigen!
In der letzten Kolumne wurde der aggressive Einsteiger erwähnt, eine noch aggressivere Form dieses Typs Fahrgast ist der Ich-hab-nicht-mal-mehr-als-5-Minuten-zu-leben-Typ, der auf Teufel komm raus, unbedingt DIESE einfahrende Bahn erreichen muss. So ‘ne Ringbahn kommt ja schließlich nur alle 3-4 Minuten. Der Ich-hab-nicht-mal-mehr-als-5-Minuten-zu-leben-Typ schlägt dabei eine blutige Schneise in die Traube aus wartenden Fahrgästen und prügelt sich ins innere der Bahn. [Formulierung z.T. © by “foo“]
Abschließend muss noch der Schlachtabfall-mit-Salat-im-Brot-Fresser erwähnt werden (iss’n Insider), am besten mit extra Zwiebeln und Knoblauchsoße. 100 Punkte für Dich. Und wehe in dir schlummert ein Fenster-zu-Pedant, wenn jemand den Gestank deines Schlachtabfalls mit Salat im Brot rauslassen möchte, in dem er das Fenster öffnet.


